Die 3. Unterdrückungsphase: Absoluter Tiefpunkt

Und mein absoluter Tiefpunkt traf sich mit dem absoluten Ende meines Studiums. Das hieß: Bachelorarbeit schreiben! Juhu.

Ich habe an anderer Stelle schon mal darüber geschrieben, dass ich meine Bachelorarbeit über das Thema „Das Flüchtlingsabkommen zwischen Australien und Kambodscha“ geschrieben habe. Während des Schreibens und Reflektierens bemerke ich, wie sehr Südostasien schon mal ein Thema war. Backpacking zusammen mit Pepe wird bald ein Thema sein! Ich hoffe darüber später auch Posts schreiben zu können (bin mir aber sehr sicher).

Doch jetzt zurück zur tiefen Depressionsphase Ende 2016. Ich kann jetzt nicht mehr genau beschreiben, wie sich die Situation zu dieser Zeit angefühlt hat. Ich versuche es aber, mit kognitiven Erinnerungen, da die Gefühle zum Glück nicht mehr so nachzufühlen sind. Folgende Adjektive treffen es am besten: unfassbar ausweglos und leer, teilweise höchst verzweifelt. Ich wusste manchmal nicht wohin mit mir, ich hätte mich „einfach wegwerfen“ können. Kurz: Ich war am absoluten Ende.

Was denkt ihr, was ich dann gemacht habe? Klar – bin wieder zu meiner Verhaltenstherapeutin zurück. Die hat mir jedoch empfohlen, mit dem Leistungsdenken weiter zu fahren. Nachdem ich meine Bachelorarbeit vollendete mit allerletzten Kräften, habe ich weiter gemacht Richtung Praktikasuche, sogar FSJ stand noch auf der Tagesordnung. Dachte aber als Studentin sollte man lieber ein Praktika suchen und sich da bewerben. Um halt in der Karriere voranzukommen [jetzt denke ich: was ein Quatsch!] . Joa, dann dachte ich, ich könnte wieder etwas in Richtung „Flüchtlinge“ machen. Folgendes Lob habe ich später meiner Therapeutin gegeben:

„Man kann mit dem Gedanken, man ist nichts wert in Vorstellungsgespräche gehen und sogar Zusagen bekommen. Man kann erfolgreich sein, ohne dass man denkt, dass man es sei. Auch wenn man denkt, man könne NICHTS, kann man etwas schaffen. Unfassbar dankbar dafür!

wörtliches Zitat aus meinen Aufzeichnungen, Anfang 2017

An sich ist es ja gut, sich nicht unterbuttern zu lassen und auch irgendwie weiter zu machen. Sich nicht ins Bett legen. Weiter machen. Klingt gut oder? Ist es aber rückblickend betrachtet nicht. Ich habe verzweifelt versucht, einen Praktikumsplatz zu finden, wusste aber nicht WO, WAS und WIE. Jedenfalls entschied ich mich dann für die Flüchtlingssozialarbeit. Das lag nahe, da ich mich mit Flüchtlingskindern (siehe KRASS E.V) super verstand. Merkt ihr? KINDER! Nicht „Flüchtlinge“.
Wir sind im Jahr 2016, Anfang November.

Ich habe tatsächlich sogar zwei Zusagen dann bekommen. Ist bei mir immer so gewesen: Vorher riesige Angst, nichts zu bekommen und werde dann überhäuft und darf sogar selbst entscheiden. Ich habe dann ein dreimonatiges Praktikum (sogar etwas bezahlt, ungefähr 400,-) bei einem bekannten kirchlichen Träger gemacht. Das war jedoch in Osnabrück. Das heißt, ich bin jeden verdammten Tag mit dem Auto von unserem Dorf ungefähr 1,5 Stunden nach Osnabrück gefahren. Bis ich endlich eine WG dort gefunden habe. Die Autofahrten waren so extrem. Ich habe davon noch Memos, wie ich heulend und verzweifelt in mein Handy spreche und dies aufnehme. Um meinen Frust und Kummer von der Seele zu reden. Natürlich hat das nicht geholfen. Es fiel mir natürlich verdammt schwer, das Praktikum in meiner tiefen Depression „durchzuziehen“. Hier eine Mitschrift von einer Memoaufnahme, November 2016:

„Ich mache jetzt grad das Praktikum und [Pause] ich ähm [Pause]..meine erste Aufgabe war eine Wohnung zu suchen für einen Geflüchteten aber dann habe ich diesen Geflüchteten da vor mir sitzen. Ich weiß nicht genau, wer das ist, wie alt er ist. Nichts. Und jetzt muss ich für ihn eine Wohnung suchen. Ähm. Und ich habe dann bei [Anbieter] und [Anbieter] geguckt. Und wenn ich davor sitze, dann fühle ich mich einfach überfordert mit dem Angebot und dann weiß ich nicht, wo ich da anrufen soll. Dann weiß ich nicht, was ich da sagen soll, für wen ich suche. Ich fühle mich dann einfach [Pause] wie blockiert. Und ich weiß nicht, warum ich das nicht einfach machen kann [meine Stimme wird verzweifelter]. Meine Aufgabe ist, äh, such da eine Wohnung raus und ruf die an. Das ist ja eigentlich nicht so schwierig, aber für mich ist das so schwierig. [fange an zu weinen]. Also. Ich weiß nicht. Ich weiß nicht, wie kann ich das schaffen, das zu akzeptieren, das ich mich so fühle, wie ich mich fühle und trotzdem die Aufgaben machen. [Pause] Ich hätte die Übung machen können, auf meinem Atem zu hören. Mich konzentrieren zu können. [Anmerkung heute (April 2019): Verhaltenstherapiemaßnahmen].Ich kann das irgendwie nicht. Dann bin ich da so drin. Ich weiß nicht [fange immer mehr an zu schluchzen]. Es ist fast so, als will ich’s gar nicht anders. Als will ich gar nicht, dass es anders wird. Also ich kann, ich kann [Pause]. Ich kann. Ich weiß nicht. Ich krieg‘ den Abstand nicht mehr dazu. Ich weiß‘ nicht, was ich sagen soll. [Pause] Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich weiß nicht, wer ich bin. „

Ich habe diese Szenen mit meiner Verhaltenstherapeutin besprochen und sie hat mir empfohlen, offen mit meiner Depression umzugehen. Es war wie ihr lesen konntet, absolut nicht möglich für mich, gewisse Aufgaben zu erledigen. Also habe ich ein klärendes Gespräch mit meiner Chefin gesucht. Und das war für viele schon sehr mutig, da offen drüber zu sprechen. Ein Kollege offenbarte mir, auch an Depressionen zu leiden, aber er würde das niemals offen legen und allen Kollegen sagen.Ich denke mir jetzt: Warum? Und warum ist das mutig? Ich darf doch auch offen über Krebserkrankungen sprechen oder?

Doch mit dieser Offenheit bin ich sehr, sehr gut gefahren und kann es jedem empfehlen. Wenn das jemand nicht versteht oder euch eine Firma sogar kündigen will: Dann scheiß drauf! Dann ist es nicht der richtige Platz!!

Am 01.12.2017 bin ich dann in eine WG gezogen, um nicht immer mit dem Auto fahren zu müssen. Auch zu Hause war man glaub ich sehr froh. Ich habe mich in der neuen Wg erstmal sehr zurück gezogen. Da meine Mitbewohner sehr nett waren, habe ich es ihnen mal gesagt, als alle zusammen am Tisch saßen. Sie haben es ganz gut aufgenommen, wollten mit mir aber auch nicht viel zu tun haben, bzw. jeder lebte halt so für sich.Typisch ZweckWG. Bis auf den Pharmastudenten: Mit dem hatte ich ganz gute Gespräche (Psychpharmaka hehe).

Da es wieder Frühling wurde, entstand bei mir wieder ein Aufschwung (vielleicht auch durch die Antidepressiva, kann ich grade noch nicht beurteilen). Das Praktikum fing sogar an, mir Spaß zu machen. Ich habe viele Kinder im Jugendmigrationsdienst begleitet und ansonsten auch vielen Geflüchteten irgendwie geholfen (z.B. zum Arzt begleiten). Das hat mir tatsächlich dann irgendwann wieder einen Selbstwert gegeben und ich bin die Schiene erstmal weiter gefahren und habe mich später beworben, um diese „Flüchtlinge“ zu unterrichten.

Dazu findet ihr hier mehr.

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