Turbulente Erfahrungen in der Arbeitswelt

Arbeit finden war der zweite große Punkt auf meiner To Do – Liste. Ich habe über 10 Punkte weggestrichen, die mich unglaublich gestresst haben und zwei Sachen sind geblieben: Neben der Arbeitssuche war die Wohnungssuche eine große Herausforderung. Doch Pepe und ich haben es gemeistert und eine wunderschöne Dachgeschosswohnung mit Panoramafenstern und einen naturbelassenen Garten gefunden und fühlen uns schon wie zu Hause. Immer noch in Stolberg bei Aachen. Der dritte Umzug in 8 Monaten.

Ich habe auch Arbeit gefunden, was eine enorme Anstrengung war und ich habe in letzter Zeit diesbezüglich viel dazu gelernt. Darüber werde ich euch hier berichten.

Zunächst habe ich gelernt: Geld ist und bleibt so existenziell wichtig hier. Abhängigkeit vom Staat ist eine Tortur und es wird einem so schwer wie möglich gemacht, mit dem Geld leben zu können.

Zweitens: Ich suche mir meinen Job jetzt auch danach aus, was meinem „Status“ entspricht: Das heißt, ich habe einen Bachelor, Berufserfahrungen und das nötige BAMF- Zertifikat zum Unterrichten.

Doch ich wollte bisher einen anderen Weg gehen und zwar als ungelernte Kraft in der Gastronomie arbeiten. Es war eher eine Illusion zu glauben, dass ich in der Gastronomie glücklich werden könnte: Ich dachte nämlich, ich passe als offene, kommunikative und etwas verrückte junge Frau da ganz gut rein. Tja- ich hatte den Stress meines Lebens. In den letzten drei Monaten absolvierte ich vier Probearbeiten. Zwei davon waren eine Katastrophe (Restaurant und Café-Bäckerei, da war die Sympathie vielleicht einfach null vorhanden zwischen mir und den „Entscheidern“. Aber es hört für mich auf, wenn der Boss mit Kameras beobachtet und wenn respektloses Verhalten an der Tagesordnung steht). Die eine Probearbeit habe ich abgebrochen, die andere wurde abgebrochen :D.

Eine weitere Erfahrung hatte ich in einem Eiscafé: Sechs Stunden Nonstop arbeiten, während der Big Boss mir die ganze Zeit dabei zusah und ich mein Bestes gab und mich derart unter Druck setzte. Doch ich habe durchgehalten mit Erfolg. Sie hätten mich tatsächlich auch genommen. Dies war nach den vielen Niederlagen so eine Art persönlicher Triumph.

Meine letzte Erfahrung machte ich dann in einer Bäckerei. Und dies war immer noch stressig, da alles so neu war aber bei weitem nicht so wie in einem Restaurant. An dieser Stelle: Hut ab an alle Kellnerinnen und Kellner. Ich kann’s nicht.

In der Bäckerei werde ich jetzt auch anfangen und zwar nur mit 15-20 Stunden pro Woche. Der Verkauf hat mir nämlich immer schon viel Spaß gemacht. Und nicht ständig zu allen Tischen rennen zu müssen ist doch durchaus angenehmer. Dennoch ist mir klar: Ich kriege nur den Mindestlohn und reich werde ich mit dem Job ganz sicher nicht. Daher taucht manchmal der Gedanke auf: Anne, bist du blöd? Du kannst doch als Dozentin viel mehr Geld machen. Ich habe diese Erfahrungen aber machen wollen, weil ich sonst nie herausgefunden hätte, ob nicht ein anderer Job besser zu mir passt. Und natürlich kann man jetzt kritisieren, dass ich mich ständig in der gleichen Branche aufhalte, ich habe halt nicht locker gelassen. Und deshalb habe ich es immer und immer wieder probiert. Und kann jetzt sagen: Bäckerei ist eine gute Option für’s erste.

Und zwar aus folgenden Gründen: Ich kann darüber meine Sozial,- und Rentenversicherung laufen lassen. Ich war nur mal wenige Monate selbständig im Dozentenbereich und habe dort gemerkt, wie groß die Abgaben sind (z.B. über 300,- Euro nur für die Krankenkasse). Deshalb ist mir das sehr wichtig geworden, so abgesichert zu sein und zahle natürlich auch etwas in die Rentenversicherung ein.

Gleichzeitig habe ich eine Stelle als Dozentin an einer VHS für einen Deutsch- B2- Kurs bekommen und dies ist tatsächlich gutes Geld, welches ich dann noch „on top“ bekomme. Ich brauche allerdings am besten noch eine zweite Dozentenstelle. Im Sinne meines „Status“, was ich eingangs schon beschrieben habe.

Diese Lösung finde ich derzeit eigentlich ganz gut. Irgendwie „muss“ man sich ja schließlich in der Arbeitswelt integrieren. Dieses Wort „müssen“ wollte ich eigentlich aus meinem Repertoire streichen, nach dem Motto: „Ich muss erstmal gar nichts“. Dies kommt daher, dass ich viel zu lange fremdgesteuert war und nicht dem gefolgt bin, was ich selbst möchte. Wenn ich jetzt das Gefühl habe, ich werde unter Druck gesetzt, weil ich etwas machen „muss“, zieht das so unglaublich stark an meiner Energie.

Inspiriert haben mich die Leute, die sich sagen: „ich kann und will mich hier in dieser Arbeitswelt nicht integrieren. Ich habe es mehrmals versucht und es geht nicht.“ Diese Leute erkennen nämlich an, wie krank unsere Leistungsgesellschaft ist und spielen dieses Spiel nicht mit. Für mich mit fast 25 Jahren kommt das natürlich nicht in Frage, ich stehe ja schließlich grad erst am Anfang meiner Suche nach meiner Berufung. Da kann ich schlecht sagen: „Nö Leute, gebt mir Invalidenrente und ich bin raus!“ Mir bleibt nichts anderes übrig, als mich dem Spiel hier irgendwie anzupassen und doch meine Art zu bewahren. Als Lehrerin im Sinne des Quereinstiegs ist das ja vielleicht auch ganz gut?

Und wie es ist, vom Staat abhängig zu sein, habe ich jetzt 6 Monate erfahren und es reicht mir tatsächlich. Alleine schon Arbeitslosengeld (ALG) zu beantragen war die bisher größte Tortur. Ein Riesenunterschied besteht tatsächlich zwischen ALG1 und ALG2. ALG1 ist 60 Prozent vom Nettolohn, wenn man für eine bestimmte Zeit sozialversicherungspflichtig beschäftigt war. Dafür ist die Arbeitsagentur zuständig. Es ist daher noch etwas höher angesehen als ALG 2. (Man hat ja schließlich vorher dafür etwas geleistet). Um das Sozialgeld AlG 2 zu beantragen, wird man zum Opfer des Jobcenters. Tut mir Leid, wenn ich dies so ausdrücke. Ich möchte keine Menschen damit beleidigt, die dort Geld bekommen. Es ist nur mein Empfinden gewesen. Um wirklich 10000 Anträge für dieses Geld zu beantragen fehlt doch oft die Energie und insbesondere, wenn man arbeitslos ist, hat man eh schon eine extrem belastende psychische Situation. Aber wie will ich da einfühlsame Menschen auf der Seite des Jobcenters erwarten, wenn das Hauptziel ist, Leute so schnell wie möglich wieder an die Arbeit zu bringen? Doch wenn ich als 24 Jährige eine Auszeit brauche um mich zu orientieren, wie genau soll das gehen? Mir ist schon bewusst, dass ich sehr idealistisch denke, finde das aber angebracht 😉

Und dann wählt man tatsächlich schnell wieder den Weg in die Arbeit und das ist schließlich das, was das System auch will. Ich versuche deshalb, mich hier auch zu integrieren und bin mir dabei bewusst: Arbeit bedeutet letztendlich, dass ich meine Zeit verkaufe und dadurch Geld bekomme, um mir das leisten zu können, was ich will. Wenn ich nicht arbeite, wird man vom System so lange unterdrückt, bis man seinen Weg endlich geht. Und ja – das tue ich. Und ich bin mir bewusst, dass meine derzeitigen Jobs erst der Anfang sind und bewahre meine größeren Träume, die ihr Stück für Stück mitverfolgen dürft. 🙂

Und noch eins ist mir bewusst geworden: Nirgendwo ist es perfekt und ich kenne derzeit keinen Arbeitsort, an dem ich mich 100 Prozent wohlfühle und ich mich mit meiner Persönlichkeit voll einbringen kann. Irgendwie ist man doch nie wirklich man selbst oder? Man spielt in der Arbeitswelt doch immer eine Rolle, die man einnimmt, um Geld zu bekommen. Wenn die eigene Persönlichkeit wirklich 100 Prozent zum Tragen kommt, hat man seinen Traumjob gefunden oder? Schreibt mir gerne, wenn es sowas tatsächlich gibt 🙂

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