Diagnosen: Hilfe zur Heilung oder Hindernis?

Die mir (_anvie_) schon etwas länger auf Instagram folgen, wissen, dass ich die Vergabe von Diagnosen bei psychischen Erkrankungen sehr kritisch sehe.

Wenn ich mich zurückerinnere hat mir am Anfang die Diagnose „Depression“ von meiner Vertrauensdozentin in der Uni geholfen und auch etwas Erleichterung verschafft. Denn meine Probleme hatten einen Namen und noch besser: Diese große innere Qual war zu behandeln und ein ganz neues Leben war vorstellbar. Für mich weit, weit weg. Doch laut meiner Vertrauensdozentin machbar.

Doch als ich danach hörte, wie lang der Weg sein würde, wie viele Therapiestunden ich aufbringen müsste und wie schwierig es sein würde, einen Therapeuten zu finden, wurde meine Erleichterung natürlich stark gedämpft. Ich ging heimlich und mit Schamgefühl zu einer ersten Therapeutin, die in der Psychiatrie Sprechstunden anbot. Ich habe mich nicht getraut, mit meiner Mitbewohnerin darüber zu sprechen, habe versucht, zu verheimlichen, was mich innerlich zerriss. Schnell haftete ein riesig großes Wort an mir, was anfing, mich zu definieren. DEPRESSION. Ich habe unter „meine Geschichte“ schon die verschiedenen Etappen meiner Therapien beschrieben und komme zu dem Schluss: Die Diagnose ist eine Beschreibung ärztlicherseits, die mir bescheinigt, dass ich ein Grund habe, so zu fühlen, wie ich mich fühle. Mehr noch: dass es so viele Gründe gibt, die dringend aufgearbeitet werden müssen. Und dass ich das Recht habe, mich deshalb krankschreiben zu lassen.

Für mich ist eine „Depression“ keine Erkrankung, die mich überfallen hat. Nein, für mich gibt es riesige Unterschiede zwischen einem Virus und einer Depression. Die Diagnose ordnet mich ein als etwas Krankhaftes, etwas, was mich von der Gesellschaft ausschließt. Weil ich damit nicht funktioniere und erst recht nicht arbeiten kann. Doch die Diagnose der Depression beschreibt nur, sie erklärt nichts. Sie erklärt nicht, wie tief die Traurigkeit sitzt und wie sehr ich gegen mich selbst gearbeitet habe, sodass mein Gehirn dann gesagt hat: „Nein Anne! Stop! Ich mach‘ so nicht weiter. Wenn du nicht auf die Reaktionen meines Körpers hörst, dann greife ich zu radikalen Schritten! Dann schalte ich mich aus und leiste rein gar nichts mehr.“

Warum ich Diagnosen jetzt als so gefährlich ansehe? Weil ich sehe, wie schnell wir uns mit ihnen identifizieren. Dann sind wir depressiv, manisch oder dann haben wir ADHS. Dann kämpfen wir auch noch darum, dass man dies doch bitte akzeptieren solle. Doch wir gelangen dadurch nicht an den Kern des Problems.

Gefährlich wird es dann, wenn falsche Diagnosen verteilt werden, mit denen man sich fälschlicherweise identifiziert. Dies passiert, weil nur an der Oberfläche gekratzt wurde. Bei mir stand die Diagnose „hypomanisch“ im Raum: das ist eine Unterstufe der Manie. Und warum? Weil ich zwischen zwei depressiven Phasen glücklich war, Energie hatte und mich einfach in meinem Leben endlich wohlfühlte, weil ich das tat, was ich wollte.

Gefährlich ist es dann, weil ich mich selbst in Frage stelle: Wie und was bin ich denn jetzt? War ich zu der Zeit falsch? Habe ich zu viel gemacht, war ich krankhaft? Erst jetzt viel später kann ich sagen, dass ich einfach glücklich war . Und weil die Energie nur so übersprudelte, habe ich halt zu viel gemacht und war zwangsläufig erschöpft danach.

Doch immer, wenn ich später glücklich war und tat, was ich wollte, sendete mir mein Gehirn Warnsignale: „Oh, oh, Anne pass‘ auf!“ Dies hinderte mich somit daran, mich wirklich frei entfalten zu können, da ich immer dachte, dass ich mich stoppen müsste. Es hat sehr sehr lange gedauert, mir selbst zu sagen, dass ich genau richtig bin und das ich jedes Recht habe, mich jetzt so glücklich und kraftvoll zu fühlen, wie ich mich fühle.

Lange wurde das Bild noch von meinen Familienangehörigen aufrechterhalten, nämlich dass diese Anne krankhaft sein könnte. Weil ich in meiner Familie nämlich nie meine Meinung sagte und nie impulsiv und energiegeladen reagierte. Es war eine vielleicht unterbewusste Ablehnung der „wahren Anne“: Weil sie diese nicht kannten. Doch genau diese befindet sich auf dem Weg der Selbstliebe.

Wenn das Bild des Krankhaften so stark von außen aufrechterhalten wird, von engsten Freunden und der Familie auf der einen und der diagnostischen Seite der Ärzte auf der anderen Seite: Dann ist es verdammt schwierig, sich aus diesen Fängen zu beschreiben.

Für mich helfen Diagnosen wie gesagt, weil es mir eine Berechtigung erteilte, mich um mich selbst zu kümmern und nicht zur Arbeit zu gehen. Doch die wirklichen inneren Konflikte, die zu solch einer Diagnose führten, musste ich tatsächlich ganz alleine lösen. Denn alle Psychologen kratzen an der Oberfläche (z.B. mittels Verhaltenstherapie), was natürlich nicht unnütz ist.

Jedoch kaum jemand dringt zum wahren Kern vor: Was ist, wenn ich die als depressiv diagnostizierte Person nicht als krankhaft und „defekt im System“ ansehe. Sondern mir ganz genau die Umstände anschaue, in der diese Person ist. Nicht nur die, in der sie heute ist, sondern auch die Umstände während der Kindheit? Durfte die Person ihre Gefühle ausleben? Wie sieht die Beziehung zur Mutter aus? Gibt es da vielleicht Traumatisierungen in der Familiengeschichte, die nie aufgearbeitet wurden?

Wie würde es aussehen, wenn wir die „Depression“ von einer anderen Seite betrachten würden: Wenn wir von einem falschen, also krankhaft leistungsorientierten und normopathischen (Hallo Hans-Joachim-Maaz) System ausgehen. Wenn die Person nicht als „fehlerhaft“ angesehen wird, sondern das komplette System, was diese Person mit ihrem Freiheits,- und Glückstreben unterdrückt und begräbt?

Ich bin sehr auf Instagram aktiv und schaue mir sehr viele Profile an, die sich mit der Aufarbeitung ihrer mentalen Gesundheit beschäftigen. „Mentalhealth“, „nostigma“ sind da gängige „Hashtags“. Oft springt mir da deren Selbsthass entgegen und ich denke: Wie konnte es so weit kommen, dass wir uns selbst in diesem krankhaften System anfangen zu hassen, anstatt diese Aggressionen nach außen zu errichten? Wie konnte es so weit kommen, dass wir alle verstummen und so viele Dinge mit uns machen lassen, anstatt für uns selbst einzutreten und zu uns zu stehen.

Wir sind niemandem etwas schuldig, nur uns selbst. Wir müssen uns nicht mit Leuten abgeben, die uns nicht gut tun. Selbst, wenn dies immer nahestehende Personen waren. Wenn wir anfangen uns selbst zu lieben, brauchen wir keine Diagnose mehr, hinter der wir uns verstecken, weil sie uns in dem bestätigt, dass etwas falsch läuft.

Wenn du auch eine Diagnose einer psychischen Erkrankung bekommen hast: Dann kann ich dir nur sagen, dass dies nicht mehr als ein Ticket ist für eine Reise zu dir selbst, die sich auf jeden Fall lohnt! Die du aber nur innerlich antreten kannst, wenn du es wirklich willst.

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