Network Marketing: Mehr Schein als Sein

In einem früheren Post (klick hier) habe ich etwas über meine Berufserfahrungen gesprochen und da habe ich schon etwas zum Thema „Network Marketing“ gesagt. Ich spreche hier über meine Erfahrungen mit einem Network Marketing Unternehmen in der Gesundheits,- Fitness,- und Ernährungsbranche.

Ich war auch gefesselt von diesem „Businesskonzept“ und ich erkläre euch kurz, warum ich dem Ganzen auch kurz verfallen war.

Es hat mich eine Frau auf Instagram mit einem Standardtext angesprochen, ob ich Teil ihres Teams sein möchte. Ich frage mich heute, warum ich darauf angesprungen bin. Aber sie hat mich zu einem guten Zeitpunkt erreicht, an dem ich beruflich sowieso etwas Neues ausprobieren wollte, daher war ich offen, inbesondere für solche neuen Wege. Erst war ich skeptisch, als ich die Nachricht gelesen habe, doch später siegte meine Neugier und ich habe mich mit ihr „vernetzt“. Folgende Nachricht schrieb sie mir:

„Hey 🙂 Wir kennen uns glaub ich noch nicht, aber finde dein Profil echt mega schön und deshalb dachte ich , ich frage dich einfach mal direkt zu meinem neuen Projekt: Wir sind gerade dabei ein massives Team aufzubauen und nutzen ein Online Gesundheits,- und Ernährungskonzept, womit wir anderen Leuten helfen, deren körperlichen Ziele zu erreichen. Kling das grundsätzlich interessant für dich?“

solche Nachrichten werden systematisch verschickt

Danach hat sie mir zwei Videos geschickt, in denen erklärt werden, welche Produkte verkauft werden. Es handele sich also um ein Online Coaching Konzept, in das Produkte eingebaut werden. Über die Provision würden man vergütet werden. Schnell wurden dann auch schon Handynummern ausgetauscht und wir trafen uns das erste mal via Video-Anruf. Visuell traf ich dann diese Frau und eine andere in meinem Alter, die mir voller Motivation erklärten, wie das Konzept genauer aussieht. Und ich muss sagen, dass ich zu dem Zeitpunkt bereit war, etwas Neues auszuprobieren und ich war sehr offen, insbesondere für diese Energie und Lebensfreude, die die beide ausstrahlten. Ich verstand mich auf Anhieb super mit den beiden und wir lachten und waren auf einer Wellenlänge. Genau auf dieser Ebene erreichen sie auch neue Leute: Es geht darum, dass man sich wohl fühlt und das Gefühl hat, nicht nur Geld auf einem anderen Weg zu verdienen, sondern dass man auch neue Freunde dazubekommt. Langsam entsteht so eine ganz große Community. Wenn ich neue Mitglieder anwerbe, bekomme ich Provision von dem, was der „unter mir“ verkauft. So funktioniert Network Marketing ganz schnell erklärt.

Per „Zoom-Call“ (so heißt der Videoanruf- Kanal, auf dem sich mehrere hundert Leute gleichzeitig sehen können) trifft man sich dann und es wird ausgetauscht, wie weit man ist. Gleichzeitig besteht eine Whatsapp- Gruppe, in der die Leute gefeiert werden, wenn sie Produkte verkauft haben.

So sieht ein „Zoomcall“ aus

Ich möchte jetzt gar nicht so sehr auf das Konzept eingehen und auch nicht auf die Vergütung. Doch wenn man sich mit Network Marketing beschäftigt ist eine große Kritik, dass nur wenige Leute großes Geld damit machen und alle anderen einem Ziel nacheifern und durch Emotionen am Ball gehalten werden.

Ich teile hier auf meinem Blog meine eigenen persönlichen Erfahrungen. Es kann gut sein, dass man auch ganz andere Erfahrungen mit Network Marketing macht. Jedenfalls war ich auch auf einer „Convention“, eine große Party, bei der verschiedene Leute auf die Bühne gehen und von ihren Erfolgsgeschichten mit den Produkten berichten. Dabei geht es in erster Linie darum, Emotionen zu übertragen. So zieht man Leute an. Und auch mich. Denn dann stand dort auch eine 60 Jährige Omi, die davon berichtete, dass sie aufgrund des Business jetzt ihren Mann nochmal am Strand heiraten will. Und es war wirklich sehr sehr berührend und auch der Grund, warum ich das so spannend fand.

Hier auf dem „roten Teppich“ auf der Convention in Pforzheim

Aufgeladen mit diesen Emotionen des Tatendrangs, ging jeder wieder nach Hause und postete fleißig weiter. Jeden Morgen einen Shake (Vanille, Schoko) gemixt mit Früchten. Später dann noch einen gesunden Energydrink und zwischendurch 30 Obst, Gemüse, Beeren-Kapsel, vollreif geerntet ohne Zucker. Wenn man das Sättigungsgefühl aufschieben möchte, biete sich der „Booster“ an, in dem Pulver ist Glucomannan enthalten, das sich im Magen ausbreitet und so ein Völlegefühl verursacht.

So sah mein Posting aus…

An dieser Stelle möchte ich nicht in Frage stellen, wie gesund die Produkte wirklich sind, da ich dies nicht einschätzen kann. Es geht mir jedoch darum, dass ich die Entwicklung so unglaublich krass finde, die in den sozialen Medien stattfindet. Nicht nur in diesem Network Marketing Bereich. Sondern allgemein diese Selbstdarstellung, die wenig mit der Realität gemeinsam hat, finde ich unglaublich. Auf diesem Weg jetzt Geld zu verdienen, finde ich persönlich fraglich. Ich war selbst auch ein Teil davon, deshalb beschäftigt mich das auch heute noch. Natürlich ist es anziehend, insbesondere so viele Freiheiten zu haben. Aber wenn ich mir die Roboter-ähnlichen Sätze der Leute in Instagram in ihren Stories anhöre, die sich immer wiederholen, dann finde ich das schon befremdlich.

Was ich so krass finde, ist natürlich auf der einen Seite, dass die Leute, die die Produkte verkaufen, diese auch ständig zu sich nehmen, um anderen dies vorzuleben und interessant zu machen (um es so zu verkaufen). Ich finde jedoch die Vermarktung teilweise verstörend. Hier spreche ich beispielhaft von einer jungen Frau, die ich schon länger auf Instagram beobachte und die fast ganz oben an der Spitze in diesem Network Marketing ist. Sie postet jeden Tag natürlich die Produkte aber auch ihren ganzen Lifestyle: Man sieht, wie sie jeden Tag u.a. ihre Gesäßmuskeln trainiert. Präsentiert ihren Bauch, wie er immer flacher wird und animiert dazu, immer dran zu bleiben. Sie redet schnell und eindringlich (habe sie auch auf der Convention gesehen), dass man ins TUN kommen muss. „POWERFRAU“ wird sie von anderen genannt und nennt sich selbst auch so. Sie liefert den Kundinnen, die ihre Produkte kaufen gleichzeitig eine Art Ratgeber für ihre Persönlichkeitsentwicklung in Richtung Selbstliebe à la „Mach‘ dein Ding!“ und „Scheiß‘ drauf, was die anderen sagen!“

Viele Punkte sind ja richtig, doch was hinter dieser ganzen Selbstverwirklichung und Selbstfindung steckt, ist doch letztendlich auch nur Kapitalismus. Grundlegende Lebensweisen, die sich mit Yoga und Meditation beschäftigen, sind ursprünglich das Gegenteil von der Idee der Leistungsgesellschaft und des Geldes.

Es gibt keine konkrete Produktplatzierung, da man so subtiler Leute erreicht, in dem man ihnen vorlebt, wie toll, ausgewogen und glücklich das eigene Leben ist. Jeder ist doch schließlich auf der Suche nach der eigenen Verwirklichung und ich finde, dass Unternehmen, die speziell nur Network Marketing nutzen, dies wissen und enorm erfolgreich anwenden. Leute kaufen diese Produkte nämlich aus einem ganzen Lifestyle heraus, weil sie Teil einer Community werden wollen, weil sie nicht mehr zu ihrem langweiligen Bürojob wollen. Sie wollen zeitliche Freiheit und selbst entscheiden, wann sie Urlaub machen und wann sie arbeiten. An aller erster Stelle steht die finanzielle Freiheit: Unglaublich, wie erfolgreiche Network Marketing Typen mit dicken Autos auf Instagram protzen und am Strand liegend mit ihrem Handy arbeiten.

Das ist doch ein Traum so vieler Menschen oder? Doch meine Frage ist, ob die Menschen sich nicht auch verkaufen? Na klar – man läuft dem Ziel der Unabhängigkeit entgegen, doch die Bosse in den Unternehmen verdienen doch das meiste Geld oder?

Weil das Unternehmen nämlich diese Menschen nutzt, die gegenseitig Netzwerke aufbauen. Ich kann verstehen, dass Geld sehr wichtig ist, da man sich damit seine eigene Freiheit erkaufen kann. Doch ein Blogpost wie „Ich bin grenzenlos“ klingt schon sehr stark nach einer enormen Erhöhung.

Im Grunde genommen sind wir ja alle auf der Suche danach, was uns erfüllt. Ich denke, dass sich die Welt so stark wandelt momentan, dass wir gar nicht mehr wissen, was mit uns eigentlich passiert. Und genau da kommen für mich solche Unternehmen ins Spiel, die dies ausnutzen und Menschen genau dort „abholen“ und alles das bieten, was wir uns wünschen.

Doch ich finde es ganz gut, wenn wir anfangen, so bestimmte Dinge zu hinterfragen und dass Likes und Followerzahlen letztendlich auch nichts über einen Menschen aussagen.

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